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Studienreiseleiter


Christoph Höllger - In der Welt zu HauseIn der Welt zu Hause

Von Hans-Martin Barthold | November 2012

Es gibt nur wenige Flugplätze auf der Welt, die Christoph Höllger noch nicht kennt. Der promovierte Historiker aus Hannover lebt die meiste Zeit des Jahres aus dem Koffer. Zu Hause gibt er nur kurze Gastspiele. Das bringt sein Beruf als Studienreiseleiter mit sich. In den Augen vieler hat er damit einen Traumjob. Ferne Länder, exotische Kulturen, gediegener Hotelservice – und dafür auch noch bezahlt werden. Wow …


Andreas M. Gross - In der Welt zu HauseÄhnlich sieht es bei seinem Kollegen Andreas M. Gross aus. Dessen bevorzugtes Revier erstreckt sich von Alaska bis Feuerland. Hier kennt sich der Münchener Kunstgeschichtler und Archäologe genau so gut aus wie in jeder deutschen Großstadt. Hölger und Gross, beide könnten sich nicht vorstellen, etwas anderes zu tun. Fremde Länder und Kulturen nicht wissenschaftlich dozierend, sondern unterhaltend zu erklären, ist für sie nicht nur Beruf, es ist ihre Berufung. Doch lassen beide auch wissen, Faszination und Tristesse liegen in dieser Tätigkeit oft nur eine Daumenbreite auseinander, und manches Mal sogar weniger.

Jaguar Lodge Beach in BelizeProfessionelles Infotainment

„Eine Studienreise“, sagt Andreas M. Gross, „gleicht einer Sinfonie.“ Allerdings sei der Reiseleiter nicht ihr Komponist, sondern nur ihr Interpret. „Wenn der Vorhang am Ende der Reise fällt, müssen die Gäste den Zauber der Einzigartigkeit der Aufführung spüren, auch wenn es bereits mein zehnter Auftritt mit diesem Stück ist.“ Das zu erreichen, seien deshalb solide Fachkenntnisse unverzichtbare Voraussetzung, ist Gross nach fast dreißig Berufsjahren überzeugt. Denn wie ein Musiker viele Stunden täglich übe, um auch die schwierigsten Passagen jeden Abend wieder scheinbar mühelos zu beherrschen, erfordere auch die x-te Auflage einer Studienreise eine immer wieder neue, sehr intensive Vorbereitung.

Doch das alleine reicht noch nicht. Schließlich garantiert die Routine der Wiederholung lediglich Mittelmaß. „Wie der ambitionierte Künstler schafft es der Reiseleiter aus Passion, den emotionalen Funken innerer Beteiligung überspringen zu lassen.“ Und Christoph Höllger ergänzt: „Im Hochpreissegment der Studienreisen erwartet der Kunde professionelles Infotainment.“ Von der „hohen Schule“ für Reiseleiter erzählen Insider köstliche Geschichten. Hier nur eine für viele. Ein Reiseleiter bereist mit einer Gruppe von 30 pensionierten Pastoren und Religionslehrern die Stätten der frühen Christenheit in der heutigen Türkei. Die Mehrheit der Teilnehmer ist fest überzeugt, das, was es dort zu sehen, zu hören und zu bestaunen gibt, viel besser zu wissen als ihr Reiseleiter. Wenn es dem dann am Ende aber trotzdem gelingt, von wenigstens doch zwanzig Teilnehmern gelobt zu werden, dann ist er dem Olymp der Reiseleiter sehr nahe.

Höllger auf Tour im Jemen                                      Multitalente mit Dienstleistungsmentalität


„Reiseleiter, die das können, sind unser größtes Kapital“, bestätigt Uli Albrecht, Geschäftsführer des kleinen Ludwigsburger Veranstalters Karawane Reisen. Und aus eigener Erfahrung weiß er, wie schwierig das ist. Ganz ähnlich urteilt man bei Studiosus Reisen in München. Achtzig Prozent des Erfolgs einer Reise hänge von der Reiseleitung ab, ist man dort überzeugt. An Interessenten mangelt es nicht, Bewerbungen gibt es in Fülle. Wirklich geeignet sind indessen nur wenige. Sowohl Studiosus wie Karawane setzen neben den unverzichtbaren Sprachkenntnissen eine akademische Ausbildung mit Bezug zum Einsatzzielgebiet voraus, je nach dem also bevorzugt ein Studium der Philologie, Regionalwissenschaften, Archäologie, Kunstgeschichte, Geographie, Botanik oder Höllger auf Tour im Jemen. Auch Studienabbrecher sind akzeptiert, denn am Ende entscheidet vor allem das persönliche Auftreten über den Erfolg. „Wenn der Bewerber in den Raum kommt und es knistert, weiß ich, das könnte einer werden“, beschreibt Albrecht den Idealtyp seines Bewerbers. Die Lust auf Leute – so wie sie sind, nicht wie man sie gerne hätte (!) – ist deshalb neben vielen anderen Qualifikationen die wichtigste Voraussetzung für Erfolg in diesem Beruf.

Statt Spezialisten werden für die Studienreiseleitung Generalisten mit einer breiten Allgemeinbildung, einem fröhlichen Naturell, Improvisationsvermögen und guten Nerven gesucht. „Bei Unfällen, Streiks, in politischen Krisensituationen, wenn ein Teilnehmer während der Reise stirbt oder der angemietete Bus nicht kommt, muss ich immer schnell eine von der gesamten Gruppe akzeptierte Lösung finden“, beschreibt Christoph Höllger die ganz alltäglichen Anforderungen seines Berufes. Eines Berufes, für den es freilich keine Ausbildung gibt, und in den die meisten per Zufall kommen. Höllger und Gross sind dafür beste Beispiele. Allerdings bleiben die wenigsten so lange dabei wie sie. Viele nutzen es mangels Alternativen als Überbrückung und steigen dann innerhalb der ersten fünf Jahre wieder aus, zeigen die Erfahrungen der Studienreiseveranstalter. Zu einem Beruf fürs Leben wird er nur für wenige.

Auf der Cordillera Blanca in Peru             Projektverträge erfordern hohe Flexibilität

Die Gründe für die hohe Fluktuation sind vielfältig. Die Unsicherheit der in der Branche üblichen und jeweils nur für die einzelne Reise abgeschlossenen Projektverträge mag ein Aspekt sein. Immerhin aber verdient die Hälfte der etwa 650 Studiosus-Reiseleiter seinen Lebensunterhalt mit dieser Tätigkeit, ein Teil verfügt sogar über einen Saisonvertrag. Andere Gründe sind das geringe Sozialprestige, die fehlende Altersabsicherung, die eingeschränkten Karrieremöglichkeiten und die allerorten eher dürftige Bezahlung. Die Bandbreite der Tageshonorare bewegt sich in einem Korridor von 85 Euro bis 250 Euro, erreicht im Durchschnitt aber selten mehr als 100 bis 130 Euro. Davon müssen noch Steuern, Krankenversicherung und Altersrücklagen bezahlt werden. Seriöse Reiseveranstalter übernehmen darüber hinaus die Kosten für Anreise, Unterkunft und Verpflegung.

Pause für Andreas M. Gross in Alaska Dazu kommt der zunehmende Wettbewerbsdruck durch einheimische Guides, die trickreich ihre Pfründe zu sichern suchen. Reiseleiter, die diese Tätigkeit zu ihrer beruflichen Lebensperspektive machen, haben vielfach ein zweites Standbein. Andreas M. Gross etwa als Reisejournalist und Fotograf, Christoph Höllger als Entwickler von Studienreisen. Neben den finanziellen Notwendigkeiten gibt es jedoch noch einen zweiten Grund für diese parallelen Aktivitäten. „Immer nur reproduzieren, stumpft ab“, ist Uli Albrecht überzeugt. In der Horizonterweiterung mittels anderer Perspektiven liege deshalb das Erfolgsgeheimnis einer überzeugenden Reiseleitung.

An der Grenze zu Chile              Hohe Belastung, nur wenige Verschnaufpausen

Die Mehrzahl der Reiseleiter ist 10 bis 17 Wochen im Jahr auf Tour. Hauptberufler brauchen zum wirtschaftlichen Überleben mindestens deren 30. Profis wie Gross und Höllger schaffen in einer guten Saison auch schon einmal mehr als 40 Wochen. Das scheint auf den ersten Blick keine allzu hohe Belastung. Doch Vorsicht. Die Reiseleiter-Woche hat 7 Werktage. Wesentlicher noch, ihre Arbeit beginnt mit dem Frühstück und endet selten vor 23 Uhr abends. Dazwischen ist kaum Gelegenheit zum Verschnaufen. Der Anforderungsspagat zwischen der teilnehmerindividuellen persönlichen Zuwendung und auf den unternehmerischen Gewinn verpflichtenden organisatorischen Entscheidungen laugt auf die Dauer aus. „Reiseleiter müssen jeden Tag vielen Rollen gerecht werden“, weis Andreas M. Gross nur zu genau. Eine besondere Herausforderung stellt dabei die erforderliche Kombination dar. Immerhin müssten sie ebenso sensibel wie durchsetzungsfähig sein. Eine Studienreise, sagt Christoph Höllger, sei keine Demokratieveranstaltung. „Und ich trage als Leitwolf die Verantwortung für das Rudel.“

Höllger: Museeumsführung in der Türkei Doch das beschreibt den Beruf des Studienreiseleiters noch immer nicht vollständig. Stets unter vielen Menschen, ist es doch oft auch ein sehr einsamer Job. Obwohl die Teilnehmer nette Leute seien, blieben sie doch Kunden und würden nicht zu Freunden. „Mit meinen Problemen muss ich unterwegs ganz alleine zu Recht kommen“, schildert Höllger die Situation. Die Pflege des eigenen sozialen Netzwerkes, der Beziehungen zu Freunden, dem Partner und, sofern vorhanden, der Familie, bedarf bei so viel Abwesenheit allergrößter Anstrengungen. Überhaupt stellt das ständige An- und Abreisen, auch das stete Pendeln zwischen ganz unterschiedlichen Kulturen eine hohe körperliche wie psychische Belastung dar. Der muss man sich gewachsen zeigen.

Nach einer Tour zu Hause angekommen, heißt es für Reiseleiter notwendigerweise, in den Alltag zurückzukehren. Man könne sich an die Ausnahmesituation des Reisens wie an eine Droge gewöhnen, sind die Erfahrungen von Andreas M. Gross. „Plötzlich aber muss ich meine Essen wieder selbst bezahlen und auch das Bett alleine machen.“ Und manchmal ertappe er sich, sagt Gross mit einem Lächeln, beim Museumsbesuch mit seiner Frau hin und wieder über die Schulter nach seinen nicht mehr anwesenden Gästen zu schielen. Doch es gibt auch Entschädigung. Höllger und Gross in gleicher Diktion: „Es ist eine tiefe Befriedigung, wenn es gelingt, den Blick der Gäste nicht nur auf die steinernen Denkmäler, sondern die Menschen dahinter zu lenken.“

Daten, Fakten & Links

Hauptberufliche (Studien)Reiseleiter:
ca. 800 (Schätzung des Verbandes der Studienreiseleiter)

Arbeitsmöglichkeiten:
ca. 60 – 70 Veranstalter zu finden unter: http://www.drv.de/

Berufliches Anforderungsprofil am Beispiel Studiosus Reisen München GmbH: http://www.studiosus.com/Jobs/Reiseleiterprofil

Verband der Studienreiseleiter:
http://www.reiseleiterverband.de/

Stellenbörse für Reiseleiter:

http://www.icjobs.de/?action=stellenangebote-jobs&j=studienreiseleiter

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Fotos: ARGE Lateinamerika und privat

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